Malawi: Lernen fürs Leben, Glauben fürs Herz
Der Montessori-Kindergarten auf der Balaka-Farm
In den entlegenen Dörfern Malawis findet das Konzept eines Kindergartens wenig Akzeptanz. Wie der Aufbau eines Montessori-Kindergartens auf der Balaka-Farm trotzdem gelang und welchen Mehrwert er für die Bevölkerung bietet, erzählt Missionarin Karin Schwarz im Interview mit Julia-Kathrin Raddek.
Julia-Kathrin Raddek: Karin, seit wann gibt es den Kindergarten und wie viele Personen arbeiten dort mit? Wie viele Kinder sind dort?
Karin Schwarz: Der Kindergarten eröffnete 2022. Damals gab es dort sieben bis acht Kinder sowie zwei speziell geschulte Montessori-Erzieherinnen. Der Start war nicht leicht. Der Wert frühkindlicher Bildung wurde von der breiten Dorfbevölkerung nicht erkannt. Die ersten Erzieherinnen verließen daher frustriert die Einrichtung. Seit einiger Zeit arbeitet nun David dort. Er ist diplomierter Montessori-Lehrer und darf auch Lehrlinge ausbilden. Heute sind insgesamt vier Personen im Kindergarten tätig: Zwei ausgebildete Erzieher (ein Mann, eine Frau) und zwei Auszubildende. 2024 ist die Zahl der Kinder auf 55 gestiegen, was mich und alle anderen sehr freut.
JKR: Das ist wirklich schön zu hören! Kannst Du sagen, was zum Anstieg der Zahlen geführt hat?
KS: Die ersten Kinder, die den Kindergarten besuchten und dann auf die Dorfschule wechselten, zeigten deutlich bessere Leistungen. Sie verstanden Englisch und hatten eine andere Lernstrategie. Die Eltern bemerkten, dass das Montessori-Konzept funktioniert. Außerdem haben wir Werbung gemacht: Wir sind mit einem Auto, mit Kindermusik und einem Megafon ausgestattet, durch die Straßen gefahren und haben den Menschen erklärt, was der Kindergarten kostet und bietet.
JKR: Die Mehrheit der Menschen in Malawi verdient weniger als 80 Euro im Monat. Was kostet der Besuch des Kindergartens bei Euch?
KS: Wir verlangen zwischen 3.000 und 10.000 Kwacha (etwa 1,50 – 5,00 Euro) im Monat, je nach Einkommen der Eltern. Wohlhabendere Eltern baten uns anfangs, dass wir einen „Elitekindergarten“ anbieten und waren dagegen, dass ärmere Kinder teilnehmen. Zudem herrscht in der breiten Bevölkerung die Vorstellung vor, dass Kindererziehung mit Drill und Auswendiglernen zu tun hat. Freies Spiel und selbständiges Entdecken gehören nicht dazu. Wir mussten viel mit den Eltern und „Königen“ (lokale Autoritäten, in etwa zu vergleichen mit einem Bürgermeister) reden, um ihnen zu erklären, dass der Kindergarten die gesamte Gemeinschaft bereichern und für alle offen sein soll. Mittlerweile verstehen die meisten das Konzept.
JKR: Auf welche Weise dient der Kindergarten den Menschen konkret?
KS: Er hilft besonders gefährdeten Mädchen, die bereits mit 15 Jahren Kinder bekommen haben und deshalb die Schule abbrechen mussten. Sie können ihre Kinder zu uns in den Kindergarten bringen und parallel eine Ausbildung auf der Farm machen. Dadurch verändert der Kindergarten allmählich die Einstellung der ländlichen Bevölkerung zur frühkindlichen Bildung. Darüber hinaus kümmert sich der Staat um die regelmäßige Impfung aller Kinder, indem Gesundheitsteams regelmäßig auf der Farm vorbeikommen. Das ist besonders wertvoll, denn andernfalls würden die Kinder überhaupt nicht geimpft werden.
JKR: Inwiefern spiegelt sich das Konzept der Balaka-Farm in der pädagogischen Haltung wieder?
KS: Das Montessori-Curriculum beinhaltet Themen wie Natur, Bienen, Bäume, Blumen und Gemüse, was perfekt zur Farm passt. Die Kinder legen Beete an und gießen sie. Sie machen regelmäßig Spaziergänge auf der Farm, lernen den Kreislauf der Natur kennen und genießen das Grün. All das können sie auf den Dörfern nicht erleben. Außerdem lernen sie, reifes Obst zu schätzen, denn Zuhause ernten die meisten die Früchte unreif, aus Angst, sonst nichts zu bekommen.
JKR: Wie wird der christliche Glaube an die Kinder vermittelt?
KS: Der Glaube ist fest im Konzept verankert. Alle Mitarbeitenden sind Christen. Das ist Voraussetzung für eine Anstellung. Die Kinder lernen hauptsächlich biblische Lieder auf Englisch.
JKR: Kannst Du eine besondere Geschichte mit uns teilen, die Du in Eurem Kindergarten erlebt hast?
KS: Vor zwei Jahren kam eine Mutter mit zwei kleinen Kindern zu uns, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte. Ihr Sohn Happy hatte Entwicklungsverzögerungen und Verständnisschwierigkeiten. Da der Kindergarten damals noch nicht so voll war (7-12 Kinder), konnte Happy individuell gefördert werden. Er blieb für zusätzliches Vorschultraining ein Jahr länger im Kindergarten als üblich und kommt jetzt in der Grundschule einigermaßen mit. Wichtig war auch, der Mutter zu erklären, dass ihr Kind nicht absichtlich ungehorsam ist, sondern Entwicklungsverzögerungen hat. In Malawi werden Kinder oft geschlagen, weil Eltern denken, sie seien absichtlich ungehorsam. Wir haben auch die Großmutter einbezogen, da die Familie ohne Vater lebt.
JKR: Kann der Kindergarten finanziell selbständig bestehen?
KS: Nein, der Kindergarten kann in dieser armen Gegend nie alleine überleben. Die Gehälter der ausgebildeten Lehrer können nicht allein durch die Gebühren gedeckt werden. Es ist ein Missionskindergarten mit ausgebildetem Personal, der aus den Spenden für die Balaka-Farm mitfinanziert wird.
JKR: Vielen Dank für Deine Einblicke, liebe Karin!
Das Interview erschien zuerst im EBMI-Magazin 3/2025
Die Balaka-Farm: Ein Ort des vielfältigen Wachstums
Der Kindergarten ist nur ein Teil der Arbeit. Auf der Balaka-Farm können junge Menschen eine ein- bis zweijährige landwirtschaftliche Ausbildung machen. Sie lernen dort u.a. wertvolles Wissen über Heilpflanzen, deren Anwendung und Verarbeitung. Durch das gemeinsame Leben in einer geistlichen Gemeinschaft lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch, wie wichtig die Beziehung zu Gott, sich selbst, anderen Menschen und der Natur als göttlicher Schöpfung ist.