Gemeindearbeit in der Türkei

Einheit in Vielfalt lernen

November 2026

Türkei: Einheit in Vielfalt lernen

Eindrücke von der Familienfreizeit des türkischen Baptistenbundes

Ende August trafen sich die türkischen Baptisten zu ihrer Familienfreizeit. Dr. Michael Kißkalt, Generalsekretär von EBM INTERNATIONAL, war als Gastredner dabei und berichtet von seinen Begegnungen.

Das kleine, einfache Freizeitzentrum Arvalya Camp bei Selçuk liegt in der Nähe des antiken Ephesus und war in diesem Jahr Treffpunkt der jährlichen Familienfreizeit. Da die christlichen Gemeinden in der Türkei meist wenige Mitglieder haben, freuen sie sich besonders auf diese Zeit: An diesen Tagen erleben sie sich als Teil einer größeren Gemeinschaft. Etwa 60 Frauen und Männer kamen nach Arvalya. Manche brachten ihre Kinder mit, für die es ein eigenes Programm gab. Besonders weit reisten die Teilnehmer aus Gaziantep und Adana: 18 Stunden Fahrt, aus Gaziantep sogar im eigens gemieteten Bus.

Mich hat sehr gefreut, dass ich in ihrer Gruppe auch junge Leute sah, die im letzten Jahr neu in die Gemeinde gefunden hatten - neugierig auf diese religiöse Gruppe der Baptisten, die sich, wie sie hörten, in Fragen der Demokratie auskennen. Sie haben gelernt, dass hinter unserem (demokratischen) Gemeindeverständnis unser Glaube an das Evangelium steht. Sie sind dabeigeblieben; einige wurden inzwischen getauft, andere sind noch zurückhaltend. Auch ein syrischer Mann und seine Frau fielen mir sofort auf. Getrieben von islamistischen Terroristen und unter dem Bombenhagel der russischen Flugzeuge waren sie vor einigen Jahren von Aleppo über die Grenze nach Gaziantep geflohen. Unvergessen bleibt mir mein Besuch vor zwei Jahren: ihre ärmliche Unterkunft bei Gaziantep und doch ihre würdevolle Gastfreundschaft und Ausstrahlung. Inzwischen bekleidet der glaubensstarke Mann das Ältestenamt, in den türkischen Gemeinden mit hoher Leitungsverantwortung.

Auch aus der Baptistengemeinde Adana, einer Metropole im Südosten der Türkei, war eine große Gruppe angereist. In dieser Gemeinde sind alle Altersgruppen vertreten, auch Akademiker und Fachkräfte. Der Pastor und seine Frau, Diakonin, leiten die Gemeinde seit einigen Jahren mit Weisheit und Liebe. Hier habe ich engagierte Diskussionen über biblische Texte und starke Solidarität mit Menschen in Not erlebt. Die Gemeinde Adana wurde nach dem schrecklichen Erdbeben im Februar 2023 zum Ausgangspunkt der Hilfsaktionen der türkischen Baptisten, auch mithilfe großer finanzieller Unterstützung aus Deutschland.

Bibellesen lernen

Ich war als Referent eingeladen, um an den vier Vormittagen Bibelarbeiten und Vorträge zu halten. Die Verantwortlichen hatten sich gewünscht, dass ich mit ihnen den Epheserbrief durchgehe, da Ephesus quasi um die Ecke lag.

Mir war zunächst wichtig, den Teilnehmern bewusst zu machen, wie Christen die Bibel lesen. Die meisten kamen ursprünglich aus dem Islam und lasen die Bibel so, wie sie den Koran benutzt hatten: als Gesetz, dem man gehorchen muss. Sie mussten von der Pike auf lernen, dass Gott, der Vater Jesu Christi, mit uns ins Gespräch kommen will. Beim Bibellesen geht es nicht nur um Gehorsam, sondern darum, die biblischen Worte ehrlich in uns aufzunehmen und mit Gott darüber ins Gespräch zu kommen: suchend, zustimmend, widersprechend, klagend, auch anklagend. Vor unserem himmlischen Vater dürfen wir emotional ehrlich sein. Sie haben sich gut auf meine Übungen eingelassen.

Unterschiedlichkeit und Einheit

Ein starkes Thema des Epheserbriefes ist die Spannung zwischen Unterschiedlichkeit und Einheit. Wie kann man Unterschiede zulassen, sogar fördern, und doch in Einheit zusammenbleiben? Damit habe ich ein Kernproblem der türkischen Mentalität berührt. Widerspruch und Streit werden tendenziell als Verletzung der Würde verstanden. Deshalb kommt es in türkischen Gemeinden auch oft zu Gemeindespaltungen oder Austritten aus dem Gemeindebund. Als ich ihnen Licht und Schatten der unterschiedlichen menschlichen Prägungen im Spiegel der „Grundformen der Angst“ des Psychologen Fritz Riemann erläuterte, war es mucksmäuschenstill. Danach diskutierten sie leidenschaftlich, mit Tränen in den Augen, und viele teilten ihre Geschichten. Für mich war das der berührendste Moment: Ich spürte, dass sie etwas Wichtiges verstanden hatten.

In den gemeinsamen Küchen- und Putzdiensten konnten sie dieses Miteinander einüben. Nachmittags war man in den Bergen oder am Meer unterwegs. Abends gab es mal einen Spieleabend, mal einen Gottesdienst. Abgänger des Polycarp-Bibelseminars, an dem der türkische Bund seine Pastoren und pastoralen Mitarbeitenden ausbildet, wurden geehrt und neue Älteste in Gemeinden eingesegnet.

In allem wurde mir wieder einmal bewusst, welch bunte Gemeinschaft der türkische Baptistenbund ist. So viele Nationalitäten leben in der Türkei und besonders auch in den christlichen Gemeinden, auch solche, die viele Jahre im Ausland gelebt hatten und nun in ihre Heimat zurückgekehrt sind.

Bitte betet für die Leiterinnen und Leiter dieser Gemeinden, dass sie die Vielfalt untereinander aushalten und positiv gestalten und in allem die Einheit suchen: unter dem Kreuz Jesu Christi.

von Dr. Michael Kißkalt, Generalsekretär
dieser Beitrag stammt aus dem EBMI-MAGAZIN, Ausgabe 3/2026

 

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