Geschichten vom Missionsfeld

Mai 2026

"Wenn eine Frau ihren Platz einnimmt, bleibt keine Gemeinschaft mehr dieselbe."

Elizabeth Mvula im Gespräch über die Rolle der Frau in Malawi

Malawi ist zutiefst patriarchal geprägt. Frauen bekommen eine feste Rolle zugewiesen – traditionell von Frauen selbst, doch Entscheidungen werden von Männern getroffen. In solch einem Kontext ist es schwer, diese Lebens- und Denkweise zu verändern. Berührend und sehr persönlich erzählt Elizabeth Mvula, Vorstandsmitglied von EBMI, wie Veränderungen im Kleinen dennoch möglich sind und mit welchem Rollenverständnis sie aufgewachsen ist. Das Gespräch führte Julia-Kathrin Raddek.

Julia-Kathrin Raddek (JKR): Elizabeth, Du bist Geschäftsfrau und leitest ein Elektrounternehmen in Malawi. Wie bist Du in diese Position gekommen?

Elizabeth Mvula (EM): Mein Mann und ich haben das Unternehmen gemeinsam aufgebaut. Er ist Ingenieur, ich habe Sekretariatsarbeit studiert. Wir haben uns auf dem College kennengelernt. Nach der Heirat sprachen wir darüber, unser eigenes Unternehmen zu gründen. Ich kümmerte mich um die administrativen Aspekte wie die Registrierung, während er das technische Fachwissen beisteuerte. Wir betreiben „Duma Electrics“ nun schon seit 25 Jahren und beschäftigen etwa 25 Mitarbeiter.

JKR: Was machst Du neben Deinem Beruf?

EM: Neben meinem Geschäft arbeite ich als zertifizierter Lebensstil- und Führungscoach der International Coaching Federation. Wir arbeiten daran, bis Ende Februar eine eigene Landesgruppe von Coaches in Malawi zu gründen. Ich wende mich auch an kirchliche Organisationen wie den Malawischen Baptistenbund, um Führungscoaching anzubieten.

JKR: Für wen ist dein Coaching?

EM: Mein Coaching richtet sich sowohl an Männer als auch an Frauen, denn beide brauchen Begleitung in ihrer persönlichen Entwicklung. Es wird zwar viel Wert auf die Stärkung der Frauen gelegt, aber die Männer bleiben oft zurück, was ein Ungleichgewicht schafft. Besonders am Herzen liegen mir Schulabgänger und Menschen, die bereits eine Führungsposition innehaben, denen es aber an der richtigen Richtung oder Vorgehensweise fehlt. Ich helfe ihnen, ihren eigenen Weg zu finden, anstatt den Erwartungen der Eltern oder anderer Menschen zu entsprechen. Außerdem unterstützen wir sie dabei, mit Herausforderungen im Leben umzugehen, damit sie bei Rückschlägen nicht verzweifeln. So durchbrechen wir Mauern und helfen besonders Frauen, auf eigenen Beinen im Leben zu stehen und sie selbst zu sein.

JKR: Was hat Dir am meisten dabei geholfen, Selbstvertrauen und Vertrauen in Deine eigenen Fähigkeiten zu gewinnen?

EM: Ich hatte das Privileg, aus einer Familie zu kommen, die gut abgesichert war. In meiner Familie waren meine Schwestern und ich einfach Mädchen. Unsere Eltern haben nie gesagt: ‚Du kannst das nicht, weil du ein Mädchen bist.‘ Ich habe mich nie auf mein Frausein beschränkt gefühlt, sondern als Mensch gesehen, der in der Lage ist, alles zu erreichen. Als unsere Tür einmal kaputt war, sagte mein Vater: ‚Hol den Hammer und ein paar Nägel und los geht’s!‘ Ich wurde durch mein Geschlecht nicht eingeschränkt. Dadurch entwickelte ich Vertrauen in meine Fähigkeiten. Das war in unserem Umfeld ungewöhnlich, wie ich feststellte, als ich Cousins und Cousinen besuchte, die von meiner Einstellung und meinem Verhalten überrascht waren.

JKR: Wurden Deine Eltern auf die gleiche Weise erzogen? Weißt Du etwas über Deine Großeltern?

EM: Ich bin mit meiner Großmutter mütterlicherseits aufgewachsen. Sie hatte eine andere Mentalität als die meisten Menschen ihrer Zeit. Mein Großvater, den ich nie kennengelernt habe, war Gerichtsschreiber, was der Familie eine strukturiertere und gebildete Lebenseinstellung gab. Die Familie väterlicherseits stammte aus einem wohlhabenden Umfeld. Ich betrachte mich als privilegiert, weil ich viele Dinge kennen gelernt habe, zu denen andere in diesem jungen Alter keinen Zugang hatten.

JKR: Welche Person hat Dich besonders geprägt?

EM: Mein Vater war die einflussreichste Person für mich. Er arbeitete in einer Arbeitergewerkschaft und ermutigte mich, Zeitungen zu lesen, Nachrichten zu hören, meine Sachen für den nächsten Schultag vorzubereiten, und zudem bereitete er mich auf das Leben vor. Anders als typische malawische Männer war er ein sehr guter Koch und brachte mir das Kochen bei. Er brachte mir bei, wichtige Daten und Meilensteine im Leben zu schätzen, bei wichtigen (Familien-)Ereignissen dabei zu sein und selbst kleine Erfolge zu feiern.

JKR: Welche Rolle hat der christliche Glaube in Bezug auf das Frausein und Leitungsverantwortung gespielt?

EM: In meiner Familie mütterlicherseits gibt es viele Pastoren. Wir haben täglich gesungen und gebetet, und ich kannte alle 300 Lieder in unserem Gesangbuch auswendig. Mein Glaube wuchs besonders, als ich ernsthafte gesundheitliche Probleme hatte und dem Tod nahe war. Da ich oft die einzige Frau in einem von Männern dominierten Umfeld war, musste ich mich auf meinen Glauben verlassen, um zu wissen, dass ich aus einem bestimmten Grund dort war. Ich entdeckte, dass es als Frau in der Kirche noch schwieriger ist als in anderen Kontexten, da ich Menschen begegnete, die eine Sache predigten, aber auf eine andere Weise handelten.

JKR: Vor welchen Herausforderungen stehen Frauen jeden Alters in Malawi oder im südlichen Afrika am meisten?

EM: In unserem Teil der Welt glaubt man: Eine Frau gehört in die Küche und sollte am Tisch nicht reden, wenn Männer anwesend sind. Ich traf viele brillante und talentierte Frauen. Sie blieben alle hinter den Kulissen aus Angst, sich zu äußern. Frauen, die sich häufig unter Männern aufhalten, gelten oft als „unmoralisch“, so dass viele heiraten, bevor sie dazu bereit sind. Andere bleiben in toxischen Ehen, um den gesellschaftlichen Respekt zu wahren. Frauen haben oft das Gefühl, dass sie Männer konsultieren müssen, bevor sie Entscheidungen treffen. Ein Wandel ist schwer zu erreichen, da es oft die Frauen selbst sind, die diese Beschränkungen durch kulturelle Praktiken durchsetzen. In unterschiedlichen Altersstufen werden Rituale und Zeremonien durchgeführt, die die Mädchen auf ihre Rolle vorbereiten. Das betrifft ihre Rolle in der Gesellschaft, ihre körperlichen und mentalen Veränderungen mit Beginn der Pubertät, ihre Sexualität, die Ehe und das Muttersein. Diese Initiationsriten beginnen schon im Alter von acht Jahren. Ein Mädchen lernt also sehr früh, was Frausein bedeutet.

JKR: Wie gehst Du persönlich mit diesen Herausforderungen um und wie engagierst Du Dich in der Kirche dafür? Kannst Du ein besonderes Projekt nennen, das Auswirkungen auf das tägliche Leben der Frauen hat?

EM: Ich verfolge einen Verhandlungsansatz, bei dem ich mich vergewissere, dass wir die Akzeptanz der älteren Frauen und Männer haben, bevor ich Initiativen ergreife. Mit Hilfe von Programmen, die von EBMI unterstützt werden, haben wir Frauen die Fähigkeit zur Selbstbestimmung vermittelt. Drei Begegnungen haben mich dabei besonders bewegt: Zum einen eine Pastorenwitwe. Nach dem Besuch unseres Kurses hatte sie die Idee, eigenes Gemüse anzubauen. Sie hatte ein Stück Land, also bat sie uns um Saatgut, Dünger und landwirtschaftliche Geräte. Drei Jahre später hatte sie ein Haus gebaut und einen Garten angelegt, der ihre Familie ernährte. Als zweites die Frau eines Pastors, die nach dem Tod ihres Mannes das gemeinsame Zuhause nach 40 Jahren verlassen musste. Es ist in Malawi üblich, dass die Familie des Mannes Anspruch auf den Besitz erhebt und die Witwe mittellos wird. Sie ging zurück und hatte den Wunsch, in ihrer Heimatstadt eine Kirche aufzubauen. Obwohl unsere Kirche keine Frauen ordiniert, glaubte sie, dass sie auch eine Pastorin sein und eine Gemeinde gründen könnte. Ein drittes Beispiel waren Frauen, die ein Haus für eine Frau bauten, die bei Überschwemmungen im Norden Malawis alles verloren hatte.

JKR: Was ist Dein größter Traum für die malawischen Frauen?

EM: Mein größter Wunsch für die Frauen in Malawi ist, dass sie über das hinauswachsen, was sie derzeit sind, dass sie glauben, dass sie zu allem fähig sind, und dass sie ihre Fähigkeit erkennen, die Welt zu verändern. Wenn eine Frau ihren Platz einnimmt, bleibt keine Gemeinschaft mehr dieselbe. Ich möchte, dass sie erkennen, wie viel sie bereits tun, und dass sie ihr Potenzial mit beiden Händen ergreifen, denn sie sind der Schlüssel zum Wandel in ihren Gemeinschaften.

JKR: Vielen Dank, Elizabeth, für diesen sehr persönlichen Einblick!

Elizabeth Mvula ist seit mehreren Jahren Teil des ehrenamtlichen, internationalen Vorstands von EBM INTERNATIONAL. Das Gespräch führte Julia-Kathrin Raddek.

Dieser Beitrag erschien zuerst im EBMI-Magazin 1/2026

 

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