Geschichten vom Missionsfeld

Februar 2026

Kuba: Hoffnung hat viele Gesichter – und manchmal drei Räder

Mikrokredite in Kuba

Ein Arbeitszweig von EBM INTERNATIONAL, der Menschen in Kuba ganzheitliche Hilfe bietet, sind Mikrokredite. Sie werden Frauen und Männern mit einer Geschäftsidee gewährt, die ihnen ein eigenes Einkommen ermöglicht. In der Regel werden die Kredite im Rahmen der vereinbarten Fristen zurückgezahlt. Mit den Geschäftsgewinnen versorgen die Kleinunternehmer ihre Familien und fördern sogar Missionsprojekte im eigenen Land.

Mikrokredite – ein kleiner Schritt Richtung Unabhängigkeit

Kubas Wirtschaft steckt seit Jahren in einer tiefen Krise. Die Reformen der letzten Jahre haben zwar den Weg für kleine und mittlere Unternehmen geöffnet, doch für viele Menschen ist der Schritt in die Selbstständigkeit ohne Startkapital unmöglich. Hier setzen Mikrokredite an: Kleine Darlehen bewirken große Veränderungen. Sie eröffnen Familien neue Einkommensmöglichkeiten, schaffen Perspektiven und stärken sogar die Arbeit der Gemeinden vor Ort.

Seit dem Beginn des Programms im Jahr 2016 wurden 22 Projektanträge gestellt, 20 davon genehmigt und elf bereits erfolgreich abgeschlossen. Von Schuhwerkstätten über Cafeterien, Schweinezucht und Spielzeugproduktion bis hin zu Transportlösungen mit Elektro-Dreirädern reichen die Angebote. Mehr als 40 Familien haben bisher direkt profitiert – und viele weitere Menschen durch die Dienstleistungen und Arbeitsplätze, die dadurch entstanden sind.

Vincente – ein Schuhmacher kämpft sich durch

Im Januar 2020 wagte Vincente den Schritt in die Selbstständigkeit. Mit Hilfe eines Mikrokredits eröffnete er in Kubas Hauptstadt Havanna eine kleine Schuhwerkstatt. Er fertigt maßgeschneiderte Schuhe für Kinder, Erwachsene und sogar orthopädische Spezialanfertigungen. Doch die wirtschaftliche Lage brachte ihn an Grenzen: Verträge platzten, Materialien fehlten, die Kundschaft blieb aus. Immer wieder stand er vor der Frage, ob er aufgeben müsse.

Sein langer Atem half ihm, trotz all der Rückschläge dran zu bleiben. Er besuchte Messen, bot Maßanfertigungen an und konnte langsam einen festen Kundenstamm gewinnen. Mit Beharrlichkeit zahlte er seinen Kredit zurück und schaffte es, seine Familie zu versorgen. Heute weiß er: Ohne den Mut zum Risiko und die Starthilfe durch den Mikrokredit wäre sein Traum von der eigenen Werkstatt nicht in Erfüllung gegangen.

 

Yoel – unterwegs auf guten Wegen

Ein besonders eindrückliches Beispiel ist das Projekt „El Buen Camino“. Pastor Yoel konnte 2023 ein Elektro-Dreirad erwerben – das erste dieser Art in seiner Region. Anfangs war für ihn vieles neu. Er musste einen Führerschein beantragen, den Parkplatz umbauen, Kunden finden. Doch schnell sprach sich herum, dass er zuverlässig und pünktlich Menschen und Güter transportierte.

Besonders in Zeiten, in denen Diesel und Benzin knapp waren, stieg die Nachfrage rasant. Auch in den Ferienmonaten (Juli und August) ist sein Dienst mehr gefragt als sonst. Umzüge, kleine Ausflüge oder einfach ein Besuch in der Nachbarschaft – für all das lässt sich sein Dreirad sehr gut nutzen.

Heute zählt Yoel 30 bis 40 Stammkunden. Das Dreirad trägt 40 Prozent zum Familieneinkommen bei. Seine Kreditraten hat er vollständig zurückgezahlt, Reparaturen und Wartungen gemeistert. Und mehr noch, mit seinem Fahrzeug unterstützt er auch regelmäßig seine Ortsgemeinde. „Diese Stabilität gibt uns Sicherheit und Hoffnung“, sagt er dankbar.

Luis – Spielzeug, das Kinderherzen erreicht

Nicht nur Lebensmittel oder Transportmittel stehen im Fokus der Mikrokredite. Manchmal entstehen Projekte, die auf den ersten Blick klein wirken, aber eine große Wirkung entfalten. Luis, ein erfahrener Tischler und Mitglied des kubanischen Künstlerverbandes, hatte eine außergewöhnliche Idee: die Herstellung von Spielzeug für Kinder – pädagogisch wertvoll, robust und zugleich erschwinglich.

Mit Hilfe seines Mikrokredites konnte er Maschinen und Materialien anschaffen. Bald schon entstanden in seiner kleinen Werkstatt Holzpuzzles, Baukästen und Lernspiele, die in Schulen und Familien große Begeisterung hervorriefen. In einem Land, in dem Spielzeug oft unerschwinglich teuer oder gar nicht verfügbar ist, war dies wie ein kleiner Segen. Mehrere Familien sind heute in die Produktion eingebunden, sodass auch andere vom Einkommen profitieren.

„Es macht mich glücklich, wenn Kinder mit meinen Spielen lernen und lachen können“, sagt Luis. Sein Projekt „Cherub Toys“ ist ein Beispiel dafür, wie Kreativität, Handwerkskunst und ein wenig Startkapital Hoffnung in die nächste Generation tragen.

Vielfalt und Kreativität

Die Bandbreite der Projekte zeigt eindrucksvoll, wie Menschen in Kuba ihre Chancen nutzen. Mit Fantasie und Mut entwickeln sie Geschäftsideen, die genau dort ansetzen, wo Bedarf besteht. So gibt es über die drei genannten Projekte hinaus weitere Angebote. In der Kleinstadt Iguará eröffnete die Familie Manso die Cafeteria MANÁ – inzwischen ein zentraler Treffpunkt für Schüler, Reisende und Nachbarn. Pastor José baute eine Schweinefarm auf, deren Erträge nicht nur seine Familie, sondern auch die Kirche und Kinder der Umgebung versorgen. Die Handywerkstatt Ebenecell konnte mit einem Kredit neue Teile kaufen und bietet seither verlässlichen Service – selbst nach der Auswanderung des Gründers läuft sie weiter. Projekte wie La Bodeguita, ein kleiner Lebensmittelladen, sichern die Grundversorgung in Zeiten, in denen es an allem mangelt.

Hoffnung, die weiterträgt

Mikrokredite sind mehr als nur Geld. Sie schenken Mut, eröffnen Wege aus der Abhängigkeit und schaffen neue Perspektiven. Wer sie erhält, spürt: Jemand glaubt an meine Idee. Und viele berichten davon, wie sehr sie sich von Gott getragen und von ihrer Gemeinde unterstützt wissen. Ob Nahrungsmittel, Transport, Dienstleistungen oder kreative Ideen: Mikrokredite öffnen Türen, die sonst verschlossen blieben.

Auch wenn manche Projekte durch Inflation, Materialknappheit oder Krankheiten ins Stocken geraten, überwiegt die positive Bilanz. Mikrokredite bewirken Großes mit kleinem Geld. Sie sind ein Hoffnungszeichen – für Familien, für Gemeinden und für ein ganzes Land, das nach neuen Wegen sucht.

von Julia-Kathrin Raddek

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin 3-25.